Freundeskreis Städtepartnerschaft besucht Freunde in Torre Pellice

Bedeutung gewachsen

Europa erlebt unruhige Zeiten, nationalistisches Gedankengut ist auf dem Vormarsch. Auch deshalb nehme die Bedeutung von Städtepartnerschaften zu, sagt der Freundeskreis Städtepartnerschaft. Der Zusammenhalt an der Basis könne nämlich einiges bewirken.

Die Casa Valdese – das "Waldensische Haus" - ist Sitz von Synode, Bibliothek und Verwaltung der waldensischen Kirche, die zusammen mit den Methodisten Italiens eine protestantische Kirche mit etwa 50,000 Mitgliedern bildet.

Die Casa Valdese – das „Waldensische Haus“ – ist Sitz von Synode, Bibliothek und Verwaltung der waldensischen Kirche, die zusammen mit den Methodisten Italiens eine protestantische Kirche mit etwa 50,000 Mitgliedern bildet.

Mörfelden-Walldorf. 

Ziemlich genau 780 Kilometer trennen die Partnerstädte Torre Pellice und Mörfelden-Walldorf. Immer wenn Alfred Arndt in der italienischen Kleinstadt in den Cottischen Alpen ankommt, sei es trotzdem wie ein Nachhausekommen. „Wer das Fremdeln überwindet, weiß, dass wir zusammengehören“, sagt er.

Seit zwölf Jahren ist Arndt Mitglied im Freundeskreis Städtepartnerschaft, auch weil ihn die Idee begeistert hat, Europa auf diese Weise zusammenbringen zu können. „Wir sind eine kulturelle und wirtschaftliche Wertegemeinschaft. Es gibt keine prinzipiellen Unterschiede“, sagt der gelernte Spediteur. Mit einer Einschränkung: „Die Italiener produzieren mehr und besseren Wein, dafür das schlechtere Bier“, lacht er.

Die Reisegruppe des Freundeskreises Städtepartnerschaft in den Weinbergen von Barge, eine Nachbargemeinde von Torre Pellice in der Provinz Cuneo. Die Weinprobe war ein kulinarisches und musikalisches Erlebnis zugleich. Die Reisegruppe des Freundeskrei

Die Reisegruppe des Freundeskreises Städtepartnerschaft in den Weinbergen
von Barge, eine Nachbargemeinde von Torre Pellice in der Provinz Cuneo.
Die Weinprobe war ein kulinarisches und musikalisches Erlebnis zugleich.

Dass das Interesse an einem Austausch mit den Partnerstädten bei Jugendlichen ziemlich gering ist, stößt Arndt bitter auf. „Wir haben die Nachbarn vor der Tür. Doch die Schulen orientieren sich lieber nach Fernost und den USA“, sagt er und warnt, dass die junge Generation nicht wisse, was sie damit verspiele. „Europaweit fallen viele junge Menschen auf nationalistische Ideen rein, doch damit lassen sich die Probleme nicht lösen.“ Wer wolle schon an jeder Grenze wieder eine halbe Stunde warten? Oder vor einem Urlaub die eigene Währung in die des Ziellands wechseln müssen? „Wir können nur verhindern, dass Europa zerfällt, wenn wir uns vernetzen und organisieren, so wie wir es als Freundeskreis bereits tun.“

Spuren der Waldenser

Ratlos ist die Vorsitzende des Freundeskreises Monique Schmitt, wie sie junge Menschen für ihren Verein begeistern soll. Denn viele seien nur noch virtuell unterwegs. „Da müssen wir uns behaupten. Aber die Hoffnungs stirbt bekanntlich zuletzt“, sagt sie.

Die 145 Freundeskreis-Mitglieder jedenfalls brennen für ihre Partnerstädte, hegen und pflegen den Kontakt nach Vitrolles, Frankreich, Wageningen, Niederlande und eben Torre Pellice . Einmal im Jahr reist eine Delegation aus der Doppelstadt in eine der drei Partnerstädte. „Wir besuchen dann Freunde“, betont Schmitt.

Gerade erst war eine 30-köpfige Reisegruppe in Torre Pellice. „Dort liegen die Wurzeln Walldorfs“, informiert sie. Deshalb habe sich die Gruppe auch zunächst auf einen informativen Stadtrundgang auf den Spuren der Waldenser und der Geschichte des Widerstands begeben – im Stadtbild von Torre Pellice nicht voneinander zu trennen.

Die Via Beckwith flankieren beispielsweise die stattlichen Einrichtungen der waldensischen Kirche – Collegio, Tempel, Museum, gepflegte Gärten. Im Kontrast dazu die nachdenklich stimmenden schlichten Gedenksteine und Straßennamen, die an die Gräueltaten der SS und der italienischen Faschisten in den Jahren 1943 bis 1945 erinnern. Manche bekannte Walldorfer Namen tauchen auf den Gedenksteinen auf, darunter Rivoir (=Reviol), Giordano (=Jourdan) und Gaydoul.

Rede auf Deutsch

Natürlich schlenderten die Mörfelden-Walldorfer auch über den großen Wochenmarkt, erstanden Maronencreme, einen Löffel aus Olivenholz oder eine kleine Caffetiera.

In Bobbio Pellice wurde die Gruppe von den drei Bürgermeistern empfangen: Neben dem amtierenden Bürgermeister Marco Cogno gaben sich auch sein Vorgänger Claudio Bertalot und dessen Vorgänger Marco Armand Hugon die Ehre. Alle drei haben sich um das Zustandekommen und die Pflege der Städtepartnerschaft große Verdienste erworben – Marco Cogno hatte erst im vergangenen Jahr bei der Einweihung des Torre-Pellice-Platzes am Walldorfer Bahnhof eine Rede auf Deutsch gehalten.

Schließlich stand noch ein eindrucksvolles Theaterstück zur Geschichte der Resistenza – des Widerstands –, ein Besuch von Saluzzo, ein Kleinod mittelalterlicher Baukunst vor der markanten Kulisse des Monviso-Massivs, sowie des Handwerkermarkts in der Provinzstadt Pinerolo auf dem Programm.

„Der intensive Austausch baut Vorurteile ab“, so Schmitt. Und genau das führe dazu, dass der Zusammenhalt an der Basis wachse. Arndt: „Nur so kann Europa nachhaltig zusammenwachsen.“

 

29.09.2016 Frankfurter Neue Presse, Region Kreise Offenbach/Groß Gerau
Von Muriel Larissa-Frank
Fotos: Swetlana Ismar

Veröffentlicht in Allgemein, Presse