Wein und Schokolade im Piemont

Reisebericht vom 24.10.2013

 

Wenn das Wetter in Deutschland herbstlich trüb und regnerisch wird, ist es schön, wenn man eine Partnerstadt im Piemont hat. Vom 10.-14 Oktober hatte der Freundeskreis Städtepartnerschaft Mitglieder und Freunde eingeladen, die „Colori  e Sapori“ (Düfte und Farben) von Torre Péllice zu erleben.

Die Italienbeauftragte Elke Torrini und Monique Schmitt haben in guter Zusammenarbeit mit Irene Miceli aus der Tourismusorganisation „ProLoco“  ein überwältigendes Programm zusammengestellt. Der auch in Mörfelden nicht unbekannte Allround-Künstler Guy Rivoir und Bürgermeister Claudio Bertalot und seine Gattin Carlotta haben die Reisenden teilweise dabei begleitet. Die 33 Mitfahrer konnten sich nach dem Passieren der schon tief verschneiten und sturmgeplagten Großen St. Bernhard-Strecke im Pellice-Tal ein langes Wochenende verbringen, an dem tagsüber eine herrliche Oktobersonne schien und es bis auf wenige Ausnahmen nur nachts regnete.

Am ersten Tag stand ein Besuch der  Schokoladenfabrik „Caffarel“ auf dem Programm. Sie liegt im direkt an Torre Péllice angrenzenden Städtchen Luserna San Giovanni und bietet vielen Einwohnern unserer Partnerstadt gute Arbeitsplätze. Der zum Lindt-Konzern gehörende Betrieb stellt italienische Schokolade nach traditionellen Methoden her, darunter die berühmten schiffchenförmigen „Gianduiotti“, die nach der Zentralfigur des Turiner Karnevals benannt sind.

Am Nachmittag stand ein Besuch der Abtei und Festung Sacra di San Michele im Susa-Tal auf dem Programm. Die Abtei beherrscht das gesamte Tal und war nicht nur ein wichtiges Ordenszentrum der Katholische Kirche, sondern auch Teil des „Frühwarnsystem“ der Stadt Turin, von dem aus man jede Bewegung im Tal bis hin zur französischen Grenze überwachen konnte. Umberto Eco diente sie als Inspiration für seinem Roman „Der Name der Rose“. Die Namen einiger Figuren des Romans stammen von dort begrabenen Mönchen, unter anderem von Abt Guglielmo, der der Namenspate für William of Baskerville war.

Der Samstag wurde zu einem kleinen Stadtrundgang genutzt, der den Teilnehmern nicht nur die Geschichte der Waldenser nahebrachte, für die Torre Péllice als organisatorisches und geistiges Zentrum ihrer in aller Welt verstreuten Gemeinden dient, sondern auch die 400 dunklen Tage von Mussolinis „Republik von Saló“, in denen sich die übergroße Mehrheit der Waldenser dem Widerstand anschloss und  viele Einwohner in den Partisanenverbänden „Giustizia e Libertá“, für die Befreiung Italiens kämpften. Kaum eine Familie des Orts blieb vom Terror verschont, und viele Straßennamen, Gedenktafeln und Denkmäler erinnern an diese Zeit. Auch auf diesen Tafeln finden sich Namen, die jeder aus dem Walldorfer Telefonbuch kennt.

Für den Mittag hatte Guy Rivoir ein Weinprobe auf dem in Barge, nahe Torre Péllice gelegenen Weingut der Familie Raviolo organisiert. Die Weinprobe entpuppte sich zur Überraschung aller als ein volles  viergängiges Menu aus regionalen Gerichten, zu dessen Gängen Valerio Ravilo jeweils einen Spitzenwein aus seinem Anbau präsentierte, darunter Nebbiolo, Dolcetto, und Barbera. Begleitet wurde dieses ungewöhnliche Mittagsmenu von Guy Rivoir und seinem Freund Carletto mit einem Querschnitt von Volksliedern und Opernarien. Beim folgenden Weinkauf kam es zu langen Schlangen, und Valerio Raviolo war vom Erfolg seiner Weinvorführung ebenso überrascht wie die Reiseteilnehmer von der Qualität seines Angebotes ein Geheimtip, den wir gerne verraten…

Was Frankfurt für Mörfelden-Walldorf ist, ist Turin für Torre Péllice. Viele Einwohner arbeiten dort, und so konnte ein Besuch der Stadt natürlich nicht fehlen. Wenn es auch völlig unmöglich ist, die reichen Schätze der Architektur, Kunst und Kultur an einem Nachmittag auch nur ansatzweise zu sehen, so gelang es doch, einen umfassenden Eindruck von den Kulturdenkmälern der Barock-Stadt zu vermitteln, die während des „Risorgimento“ zeitweise Hauptstadt Italiens war, dessen Geschichte man auf jedem Platz und an jeder Straßenecke an Denkmälern und Gedenktafeln nachvollziehen kann. Nicht zu vergessen sind natürlich die Kolonnaden mit ihren luxuriösen Geschäften und Cafés – sogar McDonalds hat eine stilvoll gestaltete  Fassade und wirbt mit dezenten klassischen Messing-Lettern anstatt mit schreiendem Rot.

In Torre Péllice selbst präsentierten sich über das Wochenende Händler aus dem Péllice-Tal und den angrenzenden Tälern mit Produkten der Region. Stände mit gerösteten Kastanien, Honig, Marmelade, Würsten, Schinken, Käse, Gebäck, aber auch Lavendelprodukten und Handwerksarbeiten vereinten sich auf der Hauptstraße der Altstadt zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk, für den der Name „Colori e Sapori“ wirklich keine Untertreibung ist.

Die Mitglieder und Gäste des Freundeskreises fuhren doppelt gesättigt, nämlich von regionalen Köstlichkeiten aus der reichhaltigen Gastronomie von Torre Péllice  und nachhaltigen kulturellen und geschichtlichen Eindrücken wieder über die verschneiten Alpen in den verregneten Norden zurück.

Für diejenigen, die sich ärgern, nicht mitgefahren zu sein, gibt es einen Trost: Die geräumigen Gepäckfächer des Reisebusses bei der Rückfahrt beherbergten nicht nur Koffer und Taschen, sondern auch zahllose Tüten, Kisten und Kartons. Beim Weihnachtsmarkt „Wintertraum“ in Mörfelden wird der Freundeskreis Städtepartnerschaft einiges davon an seinem Stand bereithalten, um zumindest einen kleinen Hauch von „Colori e Sapori“ aus den Waldensertälern auch in das vorweihnachtliche Mörfelden zu bringen.

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