Echtes Zeichen deutsch-französischer Versöhnung

STÄDTEPARTNERSCHAFT Seit Anfang der 80er Jahre besteht die Mörfelden-Walldorfer Freundschaft mit Vitrolles

Mörfelden-Walldorf – Die Städtepartnerschaft zwischen Mörfelden-Walldorf und Vitrolles ist eine der Errungenschaften deutsch-französischer Versöhnung. Über Jahrhunderte hatten sich Deutsche und Franzosen in zahlreichen Kriegen gegenseitig bekämpft. Millionen von Familien auf beiden Seiten mussten viele Opfer beklagen. Der Tiefpunkt war die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dem Stellungskrieg des Ersten Weltkrieges zwischen 1914 und 1918 mit den „Höllenschlachten“ in Verdun und an der Somme sowie vielen weiteren Orten war der Zweite Weltkrieg gefolgt. Frankreich hatte im Juni 1940 gegenüber NS-Deutschland kapituliert und musste fortan eine vierjährige Besatzungsherrschaft ertragen. Entsetzliche Verbrechen, wie das Massaker der SS in Oradour-sur-Glane im Juni 1944, hinterließen viele Opfer. Vor diesem Hintergrund war es fast ein Wunder, dass Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer am 22. Januar 1963 den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag (Élysée-Vertrag) schlossen. Charles de Gaulle hatte in zwei Weltkriegen unter den Deutschen gelitten, im Ersten Weltkrieg war er sogar in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Im Zweiten Weltkrieg hatte sich de Gaulle niemals den Nazis gebeugt und den Kampf gegen Hitler aus dem Londoner Exil bis zur erfolgreichen Befreiung Frankreichs durch die West-Alliierten 1944 fortgeführt. Adenauer war von der NS-Diktatur zwei Mal inhaftiert worden. Dieses Bindeglied, die gemeinsame Gegnerschaft zum NS-Regime, und viele weitere Faktoren begünstigten die Einigung. Doch bleibt der deutsch-französische Freundschafts-Vertrag nach vielen blutigen Jahrhunderten ein ganz besonderes und bemerkenswertes historisches Ereignis.

Doch die besten Verträge zwischen Staaten laufen Gefahr, dass sie zwar „oben“ geschlossen werden, aber „unten“ nicht ankommen. Freundschaft zwischen Völkern muss vor Ort gelebt werden. Dem dienen die vielen Städtepartnerschaften. Anfang der 1980er-Jahre suchte Vitrolles, eine südfranzösische Stadt nahe Marseille, eine geeignete Partnerkommune in der Bundesrepublik. Der Zentralcomputer in Paris spuckte Mörfelden-Walldorf aus. Größe und Sozialstruktur der Stadt waren damals und sind auch bis heute ähnlich. Die Wurzeln Vitrolles liegen im fünften Jahrhundert. Das mittelalterliche Dorf wurde am Fuße eines Felsens erbaut, der vor dem Wind schützte. Lange war Vitrolles mit einer Stadtmauer gegen feindliche Invasionen umgeben. Über Jahrhunderte dominierte die Lehnsherrschaft das Dorf. Erst im 18. Jahrhundert wuchs Vitrolles aus seiner Festung heraus. Doch noch 1950 hatte es weniger als 2000 Einwohner. Die rasante Entwicklung erfolgte in den 1960er-Jahren: Wohnblöcke entstanden, die Flugzeugindustrie florierte, Gewerbegebiet und Stadtzentrum wurden geschaffen. Als die Städtepartnerschaft mit Mörfelden-Walldorf 1984 besiegelt wurde, hatte Vitrolles rund 23 000 Einwohner.

Die Städtepartnerschaft ist jedoch keine reine Erfolgsgeschichte, es kam zu einer Krise. „Als in Vitrolles der Front National regiert hat, haben wir die Städtepartnerschaft auf Eis legen müssen. Wir mussten ein politisches Signal setzen“, erinnert sich Thomas Krüger zurück, der langjährige Leiter des städtischen Hauptamts.

Ein wichtiger Eckpfeiler der Städtepartnerschaft ist der 1986 gegründete Freundeskreis-Städtepartnerschaft.
Dieser knüpft und hält Kontakte und schließt länderübergreifende Freundschaften. „Nachdem die politischen Kontakte lange abgebrochen werden mussten, wurde der Freundeskreis noch wichtiger“, so Thomas Krüger. Die Städtepartnerschaft wurde jetzt an der Basis aufrechterhalten. Mit der Abwahl des Front National verbesserten sich auch wieder die politischen Beziehungen. Beide Kommunen setzen sich heute für Toleranz und gegen Rechtsextremismus und Rassismus ein. Mit den französischen Freunden verbindet Monique Schmitt, die erste Vorsitzende des Freundeskreises, schöne Begegnungen und Erlebnisse. „Besonders 1989 ist mir in lebhafter Erinnerung, als wir zusammen den Fall der Berliner Mauer gefeiert haben.“ Eine jährliche Tradition ist der Besuch des Weihnachtsmarktes in Vitrolles, wo der Freundeskreis immer mit einem Stand vertreten ist. Corona machte hier über Jahre einen Strich durch die Rechnung. Doch in der Weihnachtszeit 2022 lebte die Tradition wieder auf.                                                 ako

 

FreitagsAnzeiger 19. Januar 2023, Seite 6

Auf dem Foto „Ein besonderer Moment im Jahr 2018: Die Bürgermeister Heinz-Peter Becker (links) und Loic Gachon gedenken für ihre Kommunen Mörfelden-Walldorf und Vitrolles der vielen Kriegstoten im Ersten Weltkrieg.

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